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Gelebte Literatur in der Ukraine

  • Autorenbild: Nikolai Klimeniouk
    Nikolai Klimeniouk
  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit

Das renommierte ukrainische Literaturfestival Meridian hat sich entschlossen, die Veranstaltungen nicht am Stammsitz Czernowitz, sondern in Frontstädten stattfinden zu lassen. Dieses Jahr in Charkiw und Saporischja. Ein beklemmender Augenschein vor Ort.

Veröffentlicht in: NZZ, 10.07.2026


Screenshot NZZ.ch
Screenshot NZZ.ch

Normalerweise würde die Reise von Berlin nach Charkiw, der 1,4-Millionen-Einwohner-Metropole im Nordosten der Ukraine, kaum mehr als zweieinhalb Stunden dauern. Heute, ohne Flugverbindung, braucht man für die rund 1800 Kilometer zwei volle Tage. Seit Russlands Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 herrscht dort eine ganz andere Normalität, erst recht in Charkiw, das nur etwa 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt.


Auch das Literaturfestival Meridian, das Ziel meiner Reise, würde unter normalen Umständen gar nicht hier sein. Seit 2010 findet es fast 700 Kilometer weiter westlich in Tscherniwzi statt. Gegründet wurde es als Meridian Czernowitz von einer Initiative ukrainischer Intellektueller, um die einst zu Österreich-Ungarn gehörende Geburtsstadt Paul Celans wieder auf die kulturelle Landkarte Ostmitteleuropas zu setzen und ukrainische Autoren international zu vernetzen. Heute bringen die Festivalleiter Jewhenia Lopata und Swjatoslaw (Slawa) Pomeranzew ukrainische Autoren in die Frontregionen, in diesem Jahr nach Charkiw und Saporischja. Das Festival heisst jetzt auch schlicht «Lesungen», denn niemandem ist gerade nach Feiern zumute, und im Mittelpunkt stehen die kulturelle Identität der Ukraine und der Krieg.


Luftalarm – und was nun?


Entfernungen sind wichtig; der Krieg macht den Raum wieder spürbar. Sowohl in Charkiw als auch in Tscherniwzi reagiert man auf Luftalarm gelassen, allerdings aus völlig unterschiedlichen Gründen. Seit 2022 ist Tscherniwzi nur wenige Male beschossen worden. Luftalarm bedeutet dort meist, dass ein russisches Flugzeug gestartet ist, das Marschflugkörper abfeuern kann. Sie können zwar jeden Ort in der Ukraine treffen, aber erfahrungsgemäss fliegen sie in eine andere Region. Und selbst wenn nicht, bleibt genügend Zeit, um Schutz zu suchen.


Diese Zeit hat man in Charkiw nicht. Selbst langsame Drohnen schlagen dort innerhalb weniger Minuten ein, man schafft es nicht einfach in den Schutzraum. Und Luftalarm gibt es mehrmals am Tag. Während ich zwanzig Stunden mit dem Schlafwagen vom polnischen Przemysl quer durch die Ukraine fahre, wird Charkiw angegriffen: Zwei Menschen werden getötet, zehn verletzt, ein zweistöckiges Wohnhaus liegt in Trümmern.


Seit Beginn der Vollinvasion, so der Bürgermeister, seien in Charkiw über 9000 Wohnhäuser und 3000 weitere Gebäude beschädigt worden, etliche schwer, 48 irreparabel. Im von der repräsentativen Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts geprägten Stadtzentrum sind die Zerstörungen allgegenwärtig. Ganze Häuserblöcke liegen in Ruinen. An fast jedem Gebäude fehlen Fensterscheiben, oder sie wurden durch Sperrholzplatten ersetzt. Manche davon sind mit Blumenmustern versehen, andere mit Street-Art oder Gedichten.


Vor dieser Kulisse spielt sich das Leben einer Grossstadt ab. Man geht zur Arbeit, man geht zur Uni, man geht einkaufen, essen oder spazieren. Auch Theater spielen, und Konzerte finden statt. Doch da wird es komplizierter. Privat wird der Luftalarm zwar meist ignoriert, Veranstaltungen allerdings müssen unterbrochen werden. Es sei denn, sie werden in geschützten Räumen abgehalten. Ein solcher ist der Kunstraum Art Area DK im Keller eines Bürohauses. Hier hat Meridian seine Bühne gefunden.


Der Rapper Scheka Kurgan in Charkiw. Bild: Oleksandr Osipov für Meridian Czernowitz
Der Rapper Scheka Kurgan in Charkiw. Bild: Oleksandr Osipov für Meridian Czernowitz

Der Saal umfasst etwa 150 Sitzplätze, er kann aber viel voller werden. Als Erster liest Jewhenij Wolodtschenko, 31, besser bekannt als Scheka Kurgan, Rapper und Frontmann der Band Kurgan & Agregat. Kurgan lebt heute in Charkiw, stammt aber aus der Siedlung Blisnjuki. Sie liegt fast drei Autostunden südlich, aber eigentlich in einer anderen Welt. Es sei noch nicht lange her, erzählt Kurgan, dass seine Freunde mitten auf der Fahrt mit der Regionalbahn nach Charkiw plötzlich vom ukrainischen Dialekt ihrer Heimat ins Russische gewechselt hätten. «Warum macht ihr das?», fragte Scheka. – «Wir sind doch schon fast in der Stadt!»


In diesem Dialekt, gemischt mit dem rauen Russisch der Plattenbausiedlungen, singt er seit 2014 über das harte Leben in der Provinz, Armut und Hoffnungslosigkeit. Anders als seine provokanten Rap-Texte sind die Gedichte seines ersten Lyrikbands «Punkt. Nemo», die er auf der Bühne wie kleine Theaterstücke vorträgt, melancholischer und intimer; oft handeln sie vom Krieg. Nach Beginn der Invasion trat Kurgan in die Armee ein und war zwanzig Monate lang Soldat. Wenn er heute mit seiner Band Konzerte gibt, gehen sämtliche Einnahmen – wie bei vielen anderen ukrainischen Künstlern – an die Streitkräfte.


Keiner spricht mehr Russisch


An diesem Wochenende lesen insgesamt zwölf Autoren, am Samstag soll als Letzte die Grande Dame der ukrainischen Literatur, Oxana Sabuschko, auftreten. Zunächst aber bittet sie Kurgan und seine Frau, die Dichterin und Künstlerin Dina Tschmusch (sie hat Kurgans Buch mit bunten, verstörenden Collagen illustriert), um eine Stadttour. Sabuschko, die ihre letzte Veranstaltung in Charkiw am Tag vor Beginn der Grossinvasion hatte, möchte die Zerstörungen sehen. Ich gehe mit.


Hier habe man in den ersten Tagen nach russischen Infiltrationskommandos gejagt, erzählt Kurgan. Bis hierher habe die russische Artillerie gereicht. Wir passieren die schwer beschädigten Gebäude des Inlandgeheimdienstes SBU, der Universität, der Stadtverwaltung. Auf einem vernagelten Hauseingang steht Sabuschkos Kriegsgedicht: «Ein Wort genügt – und schon öffnen sich in der Luft die Tore.»


Nebenan ein zerbombtes Wohnhaus. Im Erdgeschoss war einmal ein Café. An der Wand ist noch zu lesen: «Kommt herein, hier gibt es Kaffee.» Das ist, mutmassen wir, wohl die letzte in Charkiw verbliebene Aufschrift auf Russisch. Untereinander wird hier noch viel Russisch gesprochen, in der Öffentlichkeit überwiegend Ukrainisch. Hier muss man nicht erklären, warum immer mehr ukrainische Bücher, immer mehr neue Buchläden und Buchcafés ebenfalls zur neuen ukrainischen Realität gehören.


Sabuschko ist eine konsequente – manche würden sagen: militante – Verfechterin der Emanzipation der Ukraine von jedem russischen Einfluss – sei es von der Sprache, vom sowjetischen Erbe oder gar von den Alltagsgewohnheiten. Um ihr zuzuhören, kommen vielleicht 300 Menschen, mehr würden in den kleinen Kellerraum nicht passen.


Oksana Sabuschko ist eine militante Verfechterin der Emanzipation der Ukraine von jedem russischen Einfluss. Bild: Oleksandr Osipov für Meridian Czernowitz
Oksana Sabuschko ist eine militante Verfechterin der Emanzipation der Ukraine von jedem russischen Einfluss. Bild: Oleksandr Osipov für Meridian Czernowitz

Ihr Auftritt ist keine Lesung, eher erklärt sie ihrem Publikum die Welt. Ihr Debütroman von 1996, «Feldstudien über ukrainischen Sex», der erste zeitgenössische ukrainische Bestseller, habe den ukrainischen Buchmarkt begründet, sagt sie gleich zu Beginn. Auf Wunsch ihrer italienischen Verleger habe sie einen langen Essay über den Krieg, «Die längste Buchtour», geschrieben.


Diesen hätten dann Giorgia Meloni und der norwegische Ministerpräsident gelesen, und sogar im Weltall lese man ihre Bücher. So propagiere sie Dekolonisierung und trage damit zum Sieg über Russland bei (Beifall). Anschliessend beantwortet Sabuschko Fragen, die das Publikum auf Zettel geschrieben hat («Wann ist der Krieg zu Ende?», «Was halten Sie von KI?»), und nimmt sich danach Zeit, bei der Autogrammrunde mit jedem Fan ein paar Worte zu wechseln. So geht es gute zwei Stunden.


Parallel läuft ein Programm in Saporischja, am Sonntagmorgen fahren die Teilnehmer in die jeweils andere Stadt. Während es am Samstag in Charkiw verhältnismässig ruhig ist, steht Saporischja, 300 Kilometer südlich, unter Beschuss; fünf Menschen sterben. Die Einschläge seien selbst im unterirdischen Schutzraum des Kulturzentrums Orbita zu spüren gewesen, erzählt Slawa Pomeranzew, der dort die Veranstaltungen moderiert.


«Ein freier Mensch in einem freien Land»


Eine Gleitbombe schlägt neben dem gerade modernisierten Jugendpalast ein, einem beeindruckenden Bauwerk der späten sowjetischen Moderne. Die Explosion zerstört die brandneuen Wissenschaftslabore, die Bibliothek und die liebevoll restaurierten Fassadenreliefs. Am nächsten Tag sind die Trümmer schon weggeräumt. Traurig fegt ein Trupp Leute das zersplitterte Glas zusammen.


Während in einem Luftschutzraum Meridian-Lesungen laufen, trifft sich Kurgan nebenan mit jugendlichen Fans. Auch von ihm will sein Publikum Lebensweisheit lernen, wie man Gedichte schreibt und wie man mit seinen Eltern spricht, wenn sie von einem verlangen, normal und vernünftig zu sein. Scheka gibt Literaturtipps und bleibt bescheiden: «Ich bin nur ein freier Mensch in einem freien Land», sagt er, «ausserdem schreibe ich ein bisschen Rap».


Während Sabuschkos Auftritt ist der Saal wieder übervoll. Die Bürgermeisterin Rehina Chartschenko, 35, kommt mit einem Stapel von Sabuschkos Büchern, die mit Lesezeichen gespickt sind. Slawa Pomeranzew macht die Anmoderation: «Wenn Meridian eine Torte wäre, wäre Oxana Sabuschko eine Kirsche darauf.» Die Schriftstellerin trägt ein T-Shirt mit dem Schriftzug «Und was habe ich gesagt?». Nach ihrem Auftritt findet Kurgans Konzert statt, aber wir müssen noch zum Zug nach Kyjiw. So wird die Signierrunde zu Sabuschkos persönlichem Rekord: 150 Widmungen in nur 35 Minuten.


Umschwärmt, aber auch umstritten: Oksana Sabuschko in Charkiw. Bild: Oleksandr Osipov für Meridian Czernowitz
Umschwärmt, aber auch umstritten: Oksana Sabuschko in Charkiw. Bild: Oleksandr Osipov für Meridian Czernowitz

Entlang der Strasse zum Bahnhof stehen viele Meridian-Billboards. In Charkiw war das ähnlich. Ukrainische Städte unterstützen Kulturveranstaltungen mit Werbung und Räumen, ihre Mittel sind im Krieg aber begrenzt; die entscheidende Hilfe für Meridian leistet die Robert-Bosch-Stiftung.


Wie gewöhnlich ist die ukrainische Eisenbahn pünktlich: Um exakt 5 Uhr 52 Uhr morgens kommen wir in Kyjiw an. Das Erste, was man im Bahnhof sieht, ist ein Buchladen. Er ist neu, gross und geöffnet. Ich kaufe den aktuellen Bestseller «Hemingway hat keine Ahnung» von Artur Dron. Er wird als erstes optimistisches Buch über den Krieg gelobt.


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