Russlands Kälte
- Nikolai Klimeniouk
- vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 56 Minuten
Der russische Kälteterror gegen die Ukraine hat System. Kälte ist für Russland identitätsstiftend – sie ertragen zu können, adelt das Volk. Als natürlicher Verbündeter wehrt sie der Fäulnis, die angeblich aus dem Westen kommt.
Veröffentlicht in: NZZ, 07.Februar 2026

Am 2. Februar fiel die Temperatur in der Region Kyjiw auf minus 22 Grad, an einzelnen Tagen im Januar waren es sogar minus 25 gewesen. Die Durchschnittstemperatur lag bei minus 7 Grad. Nach Angaben des Kyjiwer Bürgermeisters Witali Klytschko blieben an dem Tag noch rund tausend Hochhäuser ohne Wärme; in den Wochen zuvor waren es fast sechsmal so viele.
Die Stromversorgung in Kyjiw wurde inzwischen wiederhergestellt. Das heisst, Elektrizität fällt nicht mehr plötzlich aus, sondern wird nach einem festen Zeitplan für einige Stunden eingeschaltet. In der Ukraine gilt das inzwischen als Luxus.
All dies sind Folgen der russischen Angriffe. Allein im Januar habe Russland, so der ukrainische Präsident Selenski, mehr als 6000 Drohnen, rund 5500 Gleitbomben und 158 Raketen auf die Ukraine abgefeuert: «Praktisch alles davon richtet sich gegen die Energieversorgung, die Eisenbahn, unsere Infrastruktur – alles, was ein normales Leben ermöglicht.» Ein Grossteil der Anschläge galt in diesem Jahr der Hauptstadt, aber keine Region blieb verschont. Blackouts und Ausfälle der Fernwärme plagen das gesamte Land. In Kyjiw und Charkiw liegen die Temperaturen in vielen Wohnungen knapp über 0 Grad, in Lwiw knapp über 10.
Die «verführten» Ukrainer
Wie passt dieser Terror gegen die gesamte Bevölkerung der Ukraine zu dem erklärten russischen Kriegsziel, die Einheit des vermeintlich geteilten russischen Volkes wiederherzustellen und seinen «vom Westen verführten Teil», die Ukrainer, heim ins russische Reich zu holen? Geht man so mit dem eigenen Volk um? In Russland schon.
Um 1880 schrieb der erzreaktionäre Denker Konstantin Leontjew, man solle Russland «etwas einfrieren», damit es nicht faule. Seitdem geistert diese Metapher durch die russische Publizistik. Als Fäulnis galt Leontjew alles, was aus dem seiner Meinung nach «warmen» Westen kam: Reformen, Liberalismus, Fortschritt, Selbstbestimmung.
Der eiskalte Winter gilt in der russischen nationalen Mythologie als natürlicher Alliierter.
Leontjew betrachtete Völker als Lebewesen, die verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen: eine einfältige Jugend, eine komplexe Blütezeit und schliesslich den Rückfall in einen primitiven Zustand im Alter. Dabei berief er sich auf die Ideen eines anderen konservativen Denkers, Nikolai Danilewski. Dessen 1869 erschienenes Buch «Russland und Europa» wird von der heutigen russischen Machtelite wie eine sakrale Schrift gelesen. Der ausgebildete Botaniker Danilewski schrieb Nationen «vitale Energien» zu, Russland und Europa galten ihm als von Natur aus verfeindet. Das blühende Russland sollte seiner Ansicht nach alle slawischen Völker in einem Imperium vereinen und dieses im Kampf gegen das dahinwelkende Europa anführen.
In dieser Tradition steht auch der Philosoph Iwan Iljin, den Wladimir Putin immer wieder in seinen Reden zitiert. Auch für Iljin war Russland ein lebendiger Körper, in dem das russische Volk eine Einheit mit der Armee bildet und einen Überlebenskampf gegen den Westen führt. Die Menschheitsgeschichte erschien ihm als eine Abfolge von Siegen der «Schlimmeren» über die «Besten»: «Und das setzt sich fort, solange sich die Besten nicht entschliessen, den Schlimmsten planmässig und organisiert Widerstand zu leisten.»
Es überrascht kaum, dass Iljin zunächst von den Nationalsozialisten fasziniert war. Diese aber teilten seine Vorstellungen von russischer Überlegenheit nicht, deshalb zog er 1938 aus dem deutschen Exil in die Schweiz, äusserte aber bis zu seinem Tod 1954 Sympathien für andere faschistische Diktaturen. 2005 liess Putin Iljins Leichnam von Zollikon nach Moskau überführen und mit staatlichen Ehren neu beisetzen.
Theorie der Passionarität
Losgelöst von ihren intellektuellen Ursprüngen leben diese Ideen in der russischen Gesellschaft fort. Sie werden von einer totalen, allgegenwärtigen Propaganda befeuert und bilden den Kern der russischen nationalen Identität. 1990 strahlte der Petersburger Kanal des damals noch sowjetischen Fernsehens einen fünfzehnteiligen Vorlesungszyklus des Historikers und Ethnologen Lew Gumiljow aus; vielen galt er als einer der intellektuellen Höhepunkte der Perestroika.
Der 1912 geborene Gumiljow war Sohn zweier vom kommunistischen Regime verfemter Protagonisten der russischen Hochkultur der Jahrhundertwende: der Dichterin Anna Achmatowa und des 1921 hingerichteten Lyrikers Nikolai Gumiljow. Er selbst verbrachte vierzehn Jahre in Stalins Gulag. Dieser Hintergrund verlieh ihm damals zusätzliche Autorität.
Gumiljow entwickelte die Theorie der Passionarität, die Ethnien als biologische Organismen interpretiert, welche in einer Einheit mit ihren Landschaften stehen. Kräfte der Natur, Bodenschätze, kosmische Strahlung und sogar die Energie von Meteoriteneinschlägen flössen in sie ein. Individuen und menschliche Kollektive, die besonders von dieser Energie durchdrungen seien, nannte er «Passionarien». Sie bestimmten den Gang der Geschichte.
«Ich glaube an die Theorie der Passionarität», erklärte Putin 2021 bei einem im Fernsehen übertragenen Treffen mit Chefredaktoren staatlicher Medien. «In der Gesellschaft ist es wie in der Natur: Es gibt eine Entwicklung, einen Höhepunkt, ein Abklingen. Russland hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Wir sind die Avantgarde der Entwicklung.»
Einer der wichtigsten Kreml-Ideologen, Wladimir Medinski, sagte 2012 in einem Interview, die Russen besässen ein zusätzliches Chromosom. Der Satz brachte ihm Spott ein, denn ein zusätzliches Chromosom ist die Ursache des Down-Syndroms. Die Kernaussage indes bildet eine weitverbreitete Vorstellung ab: Russe zu sein, sei etwas Biologisches. Fragt man heute in Russland einen zufälligen Passanten danach, erhält man mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Antwort, die auf Natureigenschaften hinausläuft und Stärke, unendliche Weiten, Bodenschätze, das Weltall und die Atombombe umfasst. Und immer wieder die Kälte.
Der Schriftsteller Wiktor Jerofejew meinte 2006 in einem Essay, Kälte zu lieben, sei in Russland nicht masochistisch, sondern patriotisch. Damit hatte er recht. Der eiskalte Winter gilt in der russischen nationalen Mythologie als natürlicher Alliierter. Er habe schon geholfen, Napoleon zu bezwingen und die Wehrmacht bei Stalingrad zu schlagen.
Zu einem identitätsstiftenden Ereignis wurde auch der Sieg über die deutschen Ritter auf dem Peipussee im Jahr 1242 aufgebaut. Darin sehen sich die Russen als die wahren Meister der Kälte. Die Miliz des Fürsten Alexander Newski soll die Ritter in ihren schweren Rüstungen auf das dünne Eis gelockt haben, wo sie untergingen. Sowohl diese Darstellung als auch die Bedeutung der Schlacht sind unter Historikern umstritten, aber spätestens seit Sergei Eisensteins Propagandafilm «Alexander Newski» aus dem Jahr 1938 sind sie fester Bestandteil der russischen Frostikonografie.
Chauvinismus und Widerstand
Die Bilder von komplett verschneiten oder vereisten Wohnblöcken aus verschiedenen Regionen oder ein gewaltiger Schneeberg im Zentrum von Moskau werden in Russland nicht als Zeugnisse eines Desasters wahrgenommen, sondern vor allem als Anlass für Stolz: Seht, so mächtig ist unsere Natur, so mächtig sind wir!
Dieses Gefühl der natürlichen Überlegenheit manifestiert sich auch in der Vorstellung, alle anderen Völker, die einst unter der russischen Herrschaft gelebt haben, hätten ohne Russland nichts zustande gebracht. Entsprechend betrachtet man sich als rechtmässigen Besitzer auch der gesamten ukrainischen Infrastruktur.
Eine der in Russland beliebten Parolen im Krieg gegen die Ukraine lautet, man müsse sie in die Steinzeit zurückbombardieren. Ausgerufen wurde sie im Oktober 2022 von einem Politologen, seither wird sie von Propagandisten und Amtsträgern immer wieder aufgegriffen. Eine Zivilisation in der Ukraine könne nur mit Russland und nur von Russlands Gnaden existieren.
Solcher Chauvinismus ist in der Ukraine sehr wohl bekannt, umso stärker ist dort der Widerstandswille. Der russische Kälteterror wird dort oft als «Cholodomor» bezeichnet, abgeleitet vom Wort «cholod» (Kälte) und in Anlehnung an den «Holodomor», die von Stalin orchestrierte Hungersnot, die in der Ukraine als Völkermord gilt.
Wie so oft führen extreme Krisensituationen in der Ukraine zu noch mehr kreativen Lösungen und zu noch stärkerer Selbstorganisation. Dass sich Staat und Kommunen dabei als halbwegs handlungsfähig erweisen, ist ein Bonus. In Wohnungen werden Zelte aufgestellt, Campingkocher gehören jetzt wie selbstverständlich zu einem Haushalt. Wer es sich leisten kann, besitzt Stromspeicher oder schafft sie in Solidargemeinschaften an. Cafés oder andere öffentliche Orte werden zu Wärmezentren, wo man sich erholen und Handys und Laptops aufladen kann. Freiwillige machen sich daran, Wärmedämmung in alten Häusern zu installieren. Es wird erneut viel Geld gesammelt, auch dafür.
Was es nicht gibt, ist die Illusion, dass es mit Russland besser werden könnte, wenn man sich dessen wahnhaften Phantasien unterwirft.





