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Alles echt

  • Autorenbild: Nikolai Klimeniouk
    Nikolai Klimeniouk
  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Stunden

Lwiw pflegt sein überreiches historisches Erbe mit Genauigkeit und Seele.

Veröffentlicht in: NZZ, 20. August 2026


Screenshot: NZZ.ch
Screenshot: NZZ.ch

Während Russland versucht, das historische Erbe der Ukraine auszulöschen, und mit erschütternder Regelmässigkeit Museen und Kultureinrichtungen beschiesst, lässt sich in Lwiw unmittelbar erleben, wie wichtig den Menschen die Bewahrung dieses Erbes ist. Sie ist Politik, vor allem aber gelebte Praxis. Hier etabliert sich gerade eine Ästhetik, die historisierend wirkt, ohne sich auf eine bestimmte Zeit festzulegen.


Jan Bačynsjky ist Künstler, und seine Wohnung in Lwiw wirkt wie ein Museum: Ikonen und Devotionalien, altes Spielzeug, Fundstücke und eigene Arbeiten. Aber natürlich gehört auch die Wohnung selbst dazu. Sie befindet sich im Gebäude des Nationalen Dramatheaters; der klassizistische Prachtbau aus dem Jahr 1842, seinerzeit eines der grössten Theater Europas, nimmt ein ganzes Viertel ein. Die Wohnung wurde, wie fast alles in Lwiw, immer wieder umgebaut und trägt deshalb die Spuren vieler Epochen. Aber so exzentrisch, wie sie ist, ist sie für Lwiw nicht ungewöhnlich. Hinter dem Trend steht ein Kreis um den Künstler, Kurator und Designer Vlodko Kostyrko, eine Art Genius Loci.


Demonstrativ russisch


Um Kostyrko kommt selbst der ahnungslose Besucher kaum herum. Auch im Krieg zieht Lwiw viele Menschen an, und früher oder später sitzen sie in einem der von Kostyrko gestalteten Lokale: im «Atlas», «Mons Pius» oder «Centaur», alle beliebt und prominent in der Altstadt gelegen.


Der Bauleiter Tolik, der solche Projekte umsetzt und die alten Häuser der Stadt intim kennt, sitzt in einem Café vor einer seiner derzeitigen Baustellen in der Armenischen Strasse: einem alten Gewölbe mit sowjetischen Reliefs zu armenischen Motiven. Tolik stammt aus Lwiw und spricht ein vollkommen natürliches Ukrainisch. Trotzdem redet er demonstrativ Russisch, was in Lwiw nicht besonders gut ankommt, von seinem Umfeld aber aus Respekt vor seiner Liebe zur Stadt toleriert wird. Nicht von allen.


Im kommunalen Kunstraum «Mono» am Marktplatz 21, wo er einige Arbeiten ausgeführt hat, bittet ihn eine junge Mitarbeiterin entnervt, zur Staatssprache zu wechseln: Die Sprache des Aggressors triggere sie. Tolik, Mitte fünfzig, zitiert auswendig Artikel 10 der ukrainischen Verfassung, der den freien Gebrauch des Russischen garantiert. Man merkt, dass die beiden dieses Gespräch zum hundertsten Mal führen; ihre Aufregung wirkt trotzdem vollkommen echt. Tolik lebt in seiner Version der Ukraine, die entspannter und vielsprachiger ist und deren sowjetische Vergangenheit nicht nur brutal und hässlich war, sondern auch etwas Gutes hervorgebracht hat. In einem imaginären Land zu leben – damit ist er nicht allein.


Vlodko Kostyrko und das von ihm gestaltete Raum im «Mono». Foto: Jan Bačynsjky
Vlodko Kostyrko und das von ihm gestaltete Raum im «Mono». Foto: Jan Bačynsjky

Das «Mono» befindet sich im zweiten Stock eines Bürgerhauses aus dem 17. Jahrhundert, das auf den Fundamenten eines älteren gotischen Hauses steht. Steinerne Fensterrahmungen und Lärchenbalken stammen aus der Renaissance, das kunstvoll verlegte Parkett aus der Sowjetzeit – in dieser Form eine Lwiwer Spezialität. Nach Kostyrkos Konzept legten Restauratoren bis zu zwanzig Farbschichten frei: Die untersten sind vermutlich so alt wie das Haus, die obersten zeigen sowjetische Schablonenmuster. Auch Risse und Reparaturen wurden konserviert. Der Raum soll zeigen, wie er alt geworden ist.


Jede Schicht eine Wahrheit


So sind die meisten Bürgerhäuser am Marktplatz Rynok: Nach dem Brand von 1527 wurden sie auf mittelalterlichen Parzellen neu errichtet, ältere Teile blieben in Kellern und Mauern erhalten. Unten liegen Restaurants und Geschäfte, darüber Wohnungen oder Büros.


Im Haus Nummer 42, auf der anderen Seite des Platzes, leitet Kostyrko, 59, ein hagerer Mann mit markanten Gesichtszügen, den kommunalen Kulturraum «DIM42». Das ist keine sanierte Kulturimmobilie: Das Geld für eine Restaurierung fehlt, im Krieg ohnehin. Kostyrko erzählt, wie er anfangs selbst die Fensterrahmen strich. Menschliche Wärme, sagt er, verhindere, dass ein Haus ausgewaschen werde. «Wenn wir über die ethische, moralische Seite sprechen, dürfte es eigentlich keine Restaurierung geben, sondern nur Konservierung», sagt er.


Sein «Lemberg Style», wie eine Ausstellung von 2022 und ein Buch über seine Arbeit heissen, ist eine Montage aus Dingen, die ihren Zweck verloren haben – irgendwo zwischen Müllplatz und Dachboden. In den von ihm gestalteten Räumen stehen Art déco, Bauhaus, Historismus und Möbel aus den siebziger Jahren beisammen. Jede Schicht, sagt Kostyrko, sei historische Wahrheit. Entferne man sie, könne man sie nicht zurückholen.

Ein Buch nennt er «Die wahre Geschichte Galiziens». Auf seinen Bildern, die von imaginärer Heraldik wimmeln, erscheint Galizien als Frau in Rüstung oder als Madonna, die ein Löwenjunges stillt; auf dem «Galizischen Tuch» ersetzt Kaiser Franz Joseph Christus. Aus Geschichte, Legenden und Mystifizierungen entwirft Kosyrko eine alternative Historie der Region, ein Galizien, das mittelalterlich, habsburgisch, polnisch, jüdisch, armenisch und ukrainisch zugleich ist. Dem Begriff Phantasieland widerspricht er vehement: «Alles echt!»


Für das Ukrainische verwendet er gern die lateinische Schrift – wie übrigens auch Jan Bačynsjky: Sie soll die Ukraine in Mitteleuropa verorten und für ihre westlichen Nachbarn zugänglicher machen. Auch auf Ausstellungstafeln stehen sein Name und manchmal die Titel seiner Werke in lateinischer Schrift.


Ausstellung «Wem gehört die Landschaft? Torfmoor». Foto: Jan Bačynsjky
Ausstellung «Wem gehört die Landschaft? Torfmoor». Foto: Jan Bačynsjky

Ein paar Tage später führt Kostyrko im «DIM42» durch die von ihm kuratierte Ausstellung «Wem gehört die Landschaft? Torfmoor». Rund fünfzig Menschen drängen sich durch die angeranzten Räume. Alle beteiligten Künstler sind da; bis auf Kostyrko sind sie jung. Aus Pappe, Ausschuss und vorgefundenem Material entsteht kluge, aber zugängliche Kunst über Krieg und Zerstörung, Ökologie und das Verhältnis von Mensch und Natur – über Erfahrungen, die das Publikum unmittelbar betreffen. Bis zum Ende werden einige hundert Menschen die Ausstellung sehen.


Das «Mono». Foto: Nikolai Klimeniouk
Das «Mono». Foto: Nikolai Klimeniouk

Auch das «Mono» arbeitet mit Krieg und Trauma. Der Raum wird für Ausstellungen und Vorträge genutzt, besonders aber für Veranstaltungen mit Veteranen. «Wir reden darüber, wie Kunst uns heilt und beeinflusst», sagt Natalia Bunda, Kulturbeauftragte des Lwiwer Stadtrats. «Durch diesen Krieg haben wir alle eine posttraumatische Störung: Verluste, Zerstörungen, Alarm, fehlende Stabilität. Auch hier im Westen, weit entfernt von der Front.» Über fünftausend Menschen besuchten das «Mono» jährlich, erzählt sie. Lwiw sei eine Grossstadt, aber man fühle sich wie in einem grossen Haus, in dem sich alle zumindest indirekt kennten.


Kater Lewtschik sei Dank


Kostyrko zeigt ein Foto aus dem Arbeitszimmer des Bürgermeisters mit der vielschichtigen Wand in seinem «Lemberg Style». Er und der Bürgermeister Andri Sadowi kennen sich seit ihrer gemeinsamen Arbeit bei der Zeitung «Postup» in den neunziger Jahren: Sadowi war Herausgeber, Kostyrko Art Director, Autor und Illustrator. Man kann auch gleich rübergehen – das Rathaus ist nebenan, in der Mitte des Marktplatzes.


Andri Sadowi, 57, regiert Lwiw seit 2006 und wurde dreimal wiedergewählt. Er ist beliebt, aber natürlich auch umstritten. In seinem Vorzimmer stehen nachgebaute k. u. k. Wartebänke und ein riesiger alter Tisch. Daneben ein Katzen-Iglu, dort wohnt der Kater Lewtschik. «Mein Stellvertreter», sagt Sadowi über ihn.



Bürgermeister Andri Sadowi und der Kater Lewtschik. Foto: Jan Bačynsjkyj
Bürgermeister Andri Sadowi und der Kater Lewtschik. Foto: Jan Bačynsjkyj

Neulich sei eine europäische Delegation zu Gast gewesen. Der Kater habe während der Verhandlungen auf dem Schoss der Leiterin gesessen, und die Stadt habe Busse im Wert von vielen Millionen Euro bekommen. «Ob das ohne Lewtschik möglich gewesen wäre? Das weiss ich nicht!» Der Kater, erzählt er, sei einst über einen Baum auf den Rathausbalkon geklettert. Als Mitarbeiter auf dem Marktplatz nach seinem Besitzer gefragt hätten, hätten vier oder fünf Restaurants gerufen: «Unserer, wir füttern ihn.»


Seither lebt das sympathische Tier im Rathaus. Die Bürger haben ihn in einer Online-Abstimmung Lewtschik genannt – Löwchen, nach dem Wappentier der Stadt. Sein Instagram-Profil hat fast 26 000 Follower. Sadowi ist ein Grossmeister der PR. «Gut, dass wir Vlodko haben», sagt er. Man sehe dessen Stil in seinem Büro und denke: Das gehört sich so. Inzwischen gibt es etliche kommunale Räume, die Kostyrko gestaltet hat, und immer öfter stösst man auf Büros, Läden oder Cafés, die den «Lemberg Style» übernommen haben.


Ein ostmitteleuropäischer Raum, der mehr als nur Atmosphäre birgt: das Restaurant Atlas. Foto: Jan Bačynsjkyj
Ein ostmitteleuropäischer Raum, der mehr als nur Atmosphäre birgt: das Restaurant Atlas. Foto: Jan Bačynsjkyj

Der Tag endet im «Atlas» – einem grossen Restaurant am Marktplatz an der Stelle des historischen Lokals, des beliebten Treffs der Lwiwer Kulturszene. Kostyrko zeigt, was alt ist, was ergänzt wurde und was bloss alt aussieht – wie seine Porträts der galizischen Fürsten, von denen es in Wirklichkeit keine Bilder gibt. Nicht jede Täuschung würde er heute wiederholen. Auf der Menukarte des «Atlas» kann man unter «Lokale Speisen» zwischen ukrainischen, polnisch-litauischen, ungarischen und rumänischen Gerichten wählen. Lokal heisst hier: ganz Ostmitteleuropa.

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