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Der Staatsfeind ohne Eigenschaften

Autorenbild: Nikolai Klimeniouk
Nikolai Klimeniouk
vor 2 Stunden
6 Min. Lesezeit

Das Buch des russischen Oppositionspolitikers Andrei Pivovarov ist wie die russische Opposition – eine Heldenerzählung, der es an Inhalt mangelt.

Veröffentlicht in: FAZ, 05. November 2026


Screenshot: FAZ.net
Screenshot: FAZ.net

Am 1. August 2024 wurden beim größten Gefangenenaustausch seit dem Ende des Kalten Krieges acht in westlichen Ländern inhaftierte Russen an Moskau übergeben: Agenten, Hacker und der sogenannte Tiergartenmörder Wadim Krassikow. Im Gegenzug kamen 16 Menschen aus russischer und belarussischer Haft frei, darunter acht russische politische Gefangene. Einer von ihnen war Andrei Pivovarov, eine der Führungsfiguren der oppositionellen Bewegung Offenes Russland.


Nun hat Pivovarov ein Buch über seine politische Arbeit und seine Haft geschrieben: „Inside Russia. Wie ich zum Staatsfeind wurde“. Man lernt viel über die russische Opposition. Besonders interessant und vielsagend sind, wie so oft bei Texten russischer Oppositioneller, die Auslassungen: das, was gar nicht vorkommt oder nur beiläufig erwähnt wird.


Pivovarov wurde 1981 in Leningrad geboren. Er war knapp 15 Jahre alt, als der erste Tschetschenienkrieg endete, und gerade 18, als Putin, damals noch Premierminister, 1999 den zweiten begann. Der erste war in der Bevölkerung extrem unbeliebt; nicht zuletzt der öffentliche Druck zwang den damaligen Präsidenten Jelzin dazu, ihn mit einem Abkommen zu beenden. Der zweite dagegen wurde zum großen Popularitätsbooster für Putin, der ihn den Russen als Kampf gegen den Terror verkaufen konnte. Beide Kriege zusammen kosteten Schätzungen zufolge bis zu 130.000 Menschen das Leben, die meisten Opfer waren Zivilisten und aus russischer Sicht auch russische Bürger.


Der Staat hilft nicht


In Pivovarovs Erinnerung schrumpfen diese beiden Meilensteine der russischen Gegenwart zu einem einzigen Wort zusammen, als er erzählt, was ihm in seinen jungen Jahren in Russland nicht gefiel: „Der Tschetschenienkrieg, die Zerschlagung der unabhängigen Fernsehsender, die ewigen Niederlagen der demokratischen Kräfte bei den Wahlen … Es war klar: Der Staat würde einem nicht helfen.“


2007 sei er mit einer Gruppe Petersburger Oppositioneller bei einer Konferenz in Helsinki gewesen. Es seien auch der Sohn von Dschochar Dudajew, „dem damaligen Präsidenten der nicht anerkannten Tschetschenischen Republik Itschkerien“, und „einige ehemalige Kämpfer“ angereist. Da er und seine damaligen Genossen aus der Organisation Oborona (deutsch: Verteidigung) jede Gewalt ablehnten, seien sie aufgestanden und hätten den Saal verlassen, „als diese Leute die Bühne betraten“, weil sie aus Pivovarovs Sicht Terroristen waren.


Tschetschenien hatte nämlich das Pech, in der willkürlichen administrativen Struktur der UdSSR keine Unionsrepublik, sondern nur eine autonome Region innerhalb Russlands zu sein. Deswegen hat Russland seine Unabhängigkeit nicht anerkannt und mit militärischer Gewalt verhindert. Präsident Dudajew wurde 1996 mit einem gezielten Raketenschlag getötet. Die Komplexität und die Widersprüche des tschetschenischen Widerstandskampfes interessieren den russischen Oppositionellen Pivovarov nicht im Geringsten. Stattdessen wiederholt er die Position des Kremls und erzählt schließlich, wie er im Gespräch mit russischen Geheimdienstlern darauf besteht, mit „Terroristen“ nichts zu tun haben zu wollen – offenbar erleichtert, dass ihm das unnötige Probleme erspart.


Zu solchen „Terroristen“ gehörte auch der tschetschenische Unabhängigkeitskämpfer Selimchan Changoschwili. Er wurde im August 2019 im Kleinen Tiergarten in Berlin erschossen, sein Mörder Wadim Krassikow zu lebenslanger Haft verurteilt und 2024 gegen Pivovarov und andere ausgetauscht. In Pivovarovs Buch wird das Mordopfer nicht erwähnt, obwohl er den Austausch recht ausführlich schildert; ebenso wenig der Krieg, den Russland 2008 gegen Changoschwilis Geburtsland Georgien führte und an dem dieser als Offizier der georgischen Armee teilnahm. Russlands Krieg gegen die Ukraine beginnt für Pivovarov nicht 2014, sondern 2022. Die Annexion der Krim verdient in seinem Buch nur eine beiläufige Erwähnung, die Invasion in den Donbas und dessen Besetzung durch irreguläre russische Truppen gar keine.


Wofür kämpft er?


Spätestens hier stellt sich die Frage: Wofür und wogegen kämpft der Oppositionspolitiker in einem Land, das einen blutigen Krieg nach dem anderen vom Zaun bricht, friedliche Nachbarn überfällt und fremde Gebiete einverleibt?


Das lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Pivovarov erzählt, dass Politik für ihn anfangs ein Job wie jeder andere war. Er wurde in eine Akademikerfamilie hineingeboren, absolvierte eine sehr anspruchsvolle Schule mit Schwerpunkt Physik und Mathematik, eher, wie er erzählt, aus familiärer Verpflichtung als aus aufrichtigem Interesse, studierte Wirtschaftsinformatik an der Staatlichen Universität St. Petersburg und arbeitete anschließend vier Jahre in einem Fischverarbeitungsbetrieb, wo er die Bücher führte. Und er war Fan des Petersburger Fußballvereins Zenit, mit allem, was für einen Ultra damals dazugehört: Fanmärsche und ein bisschen Prügelei.


Und genau wegen dieser Qualifikation wurde er 2005 von einer Politikberaterin angesprochen: Sie brauchte jemanden, der den Straßenwahlkampf für den Satiriker Viktor Schenderowitsch bei einer Nachwahl zur Staatsduma in Moskau organisieren konnte. Eigentlich hatte dort der Chef des Ölkonzerns Jukos und Putin-Gegner Michail Chodorkowski antreten sollen, aber er saß inzwischen im Gefängnis.


Zu seinen Werten und zu seiner Motivation sagt Pivovarov erstaunlich wenig und spricht darüber meist recht abstrakt. Ein starkes Gefühl historischer Ungerechtigkeit löste bei ihm vor allem der Verlust der großen Wohnung seiner Familie in Sankt Petersburg nach der Oktoberrevolution von 1917 aus, in der seine Großeltern und Eltern später mit anderen Bewohnern leben mussten und in der er selbst seine Kindheit verbrachte. Ansonsten erwähnt er allgemein Gerechtigkeit, Demokratie und liberale Werte, wobei häufig offenbleibt, was er konkret darunter versteht. Eines ist aber klar: Politik machte ihm mehr Spaß als Büroarbeit oder Unternehmertum.


Die Stationen seiner politischen Laufbahn beschreibt Pivovarov als Karriere und benutzt dafür auch genau dieses Wort. Er betätigt sich in unterschiedlichen oppositionellen politischen Gruppen in Sankt Petersburg, tritt der Bewegung des früheren Premierministers Michail Kassjanow „Das andere Russland“ bei und macht Anfang der 2010er-Jahre Politik zu seinem Hauptberuf. 2016 leitet er bereits die Petersburger Sektion von Offenes Russland, einer von Chodorkowski gegründeten politischen Bewegung. 2018 zieht er nach Moskau und wird zum Vorsitzenden von Offenes Russland gewählt. Erstaunlich viel Aufmerksamkeit widmet Pivovarov im Buch einer Art Office-Intrige: etwa wie ein Kollege ihn unfair behandelt und verhindert, dass er in den Vorstand gewählt wird.


Immer wieder Gefängnis


Inhaltlich dreht sich seine Tätigkeit meistens um zwei Themen: Wahlen und Versammlungsfreiheit, damit man Wahlkampf führen und gegen Wahlbetrug protestieren kann. Nachdem der Kreml es der Opposition nahezu unmöglich gemacht hat, an föderalen Wahlen teilzunehmen, wird um den Einzug in Stadt- oder Bezirksräte gerungen, und da gilt schon ein Ergebnis von gut zwei Prozent als Erfolg. Um große Fragen wie Krieg und Frieden, Geschichtsaufarbeitung oder die Zukunft Russlands geht es dabei kaum, eher um Müllabfuhr und Schlaglöcher. Der staatliche Widerstand dagegen ist aber stark, und die Repressalien nehmen immer weiter zu. Pivovarov versucht, diese Probleme wie ein Manager zu lösen: Organisation, Logistik, rechtliche Aspekte. Mehrmals erzählt er, wie ihm dabei sein Aussehen hilft – er wirke, so seine eigene Beschreibung, eher wie ein Polizist oder Geheimdienstler als wie ein Oppositioneller mit akademischem Hintergrund. So kann er leichter mit echten Polizisten ins Gespräch kommen und manchmal, wenn nötig, auch hinter die Absperrungen gelangen.


Es wird kaum für konkrete politische Ziele demonstriert, sondern um des Protests selbst willen, wobei die Teilnahme fast automatisch Prügel und Festnahmen nach sich zieht und die Strafen immer härter werden: zunächst zwei Wochen Arrest, dann Monate, schließlich Jahre. Dabei soll es seitens der Demonstrierenden möglichst friedlich zugehen, denn schon der geringste Widerstand kann als Gewalt gegen die Polizei ausgelegt werden und zu Misshandlungen und drakonischen Haftstrafen führen.


Andrei Pivovarov: „Inside Russia“. Wie ich zum Staatsfeind wurde. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 352 S., Abb., geb., 26,– €.
Andrei Pivovarov: „Inside Russia“. Wie ich zum Staatsfeind wurde. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 352 S., Abb., geb., 26,– €.

So kommt Pivovarov selbst immer öfter ins Gefängnis, zunächst für Tage, 2022 schließlich für vier Jahre. Es gibt eine recht umfangreiche Literatur über russische Haftanstalten, auch aus den letzten Jahren: von Alexej Nawalny und seinem Bruder Oleg, vom Jukos-Manager Wladimir Perewersin, von den Pussy-Riot-Teilnehmerinnen Maria Aljochina und Nadja Tolokonnikowa, von den ukrainischen Gefangenen Oleg Senzow und Stanislaw Assejew. Ihre Autoren schildern die Routine und die brutale Absurdität der Haft, die psychischen und oft auch physischen Misshandlungen, und nutzen diese Erfahrungen zugleich zum Anlass für anthropologische Beobachtungen, politische Analyse oder Selbstreflexion.


Pivovarov geht auch seine Haft wie eine Managementaufgabe an: Wie verhandle ich mit den Wärtern oder der Gefängnisleitung, um in der Strafkolonie zu überleben? Viel Zeit verbringt er in Einzelhaft; danach erscheint selbst die Verlegung in den strengen Vollzug als Erleichterung. Pivovarov schafft es meisterhaft, die stumpfe Monotonie seiner Haft in die Langeweile des Textes zu überführen. Die Redakteurin Maria Lipkovitch hat aus Flashbacks, Berichten aus dem Gefängnis und dem Lebenslauf des Protagonisten einen dynamischen Text montiert, aber selbst redaktionelles Geschick und exzellente Übersetzung können diese Managerbiographie kaum mit Leben füllen. Selbst über seine Liebschaften erzählt Pivovarov wie in einem Resümee.


Andrei Pivovarov ist ein aufrechter Funktionär der russischen Opposition. Aus dem Umfeld deutscher NGOs, die mit ihm zu tun hatten, ist über ihn nur Positives zu vernehmen. Im Gegensatz zu ambitionierteren Kollegen, die eher fordernd auftraten, frage er, heißt es, als Erstes, wie er helfen könne. Der Hunger der deutschen Öffentlichkeit nach russischen Helden scheint unersättlich. Die inhaltliche Leere scheint den Verlag nicht zu stören – Hauptsache, der Autor hat gelitten, wie es sich wohl für einen Russen gehört.



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