Er war nie wirklich weg
- Nikolai Klimeniouk
- 26. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juli
Der russische Personenkult um Stalin geht in die neue Runde. Und das Regime festigt sich weiter, personell und durch Härte: Die Erkenntnis setzt sich durch, dass es schon bei angedeutetem Dissens alle erwischen kann.
Veröffentlicht in: F.A.S., 26.07.2025

Am 20. Juni hat das Militärgericht im russischen Belgorod die 30-jährige Nadine Geisler zu 22 Jahren Haft verurteilt. Die Anklage lautete auf Terrorismus, Hochverrat und öffentliche Aufrufe gegen die staatliche Sicherheit. Geisler, ein Instagram-Model, bürgerlich Nadeschda Rossinskaja, hatte 2022 eine Freiwilligeninitiative für ukrainische Kriegsflüchtlinge gegründet, die sich „Armee der Schönheiten“ nannte. Laut Anklage soll sie einmal zu Spenden für die ukrainische Armee aufgerufen haben – Beweise gab es keine.
Im Zusammenhang mit solchen Urteilen wird inzwischen routinemäßig das Wort „stalinistisch“ verwendet, obwohl die Härte kaum noch jemanden überrascht. Der 2014 nach Russland verschleppte ukrainische Filmemacher Oleg Senzow erhielt zwanzig Jahre, der Oppositionspolitiker Wladimir Kara-Mursa fünfundzwanzig. Krimtatarische Aktivisten, denen meist die Mitgliedschaft in islamistischen Terrororganisationen unterstellt wird, bekommen zwischen zwölf und siebzehn Jahren. Für Menschen, die in sozialen Medien kritische Beiträge zur sogenannten Spezialoperation verfasst oder geteilt haben, liegt das übliche Strafmaß mittlerweile bei sechs bis acht Jahren.
Wirklich neu – und das meint das Wort „stalinistisch“ heute – ist die Angst: Die Repressionen rücken näher, und man kann sich immer schlechter einreden, es treffe nur andere, etwa Berufsoppositionelle oder besonders Unvorsichtige. Jetzt setzt sich die Erkenntnis durch, dass es schon bei angedeutetem Dissens jeden erwischen kann.
Das Gefühl verstärkt sich, weil Stalin zunehmend vom politischen Gespenst zum sichtbaren Teil des öffentlichen Lebens wird. Es vergeht keine Woche ohne Nachrichten über ihn. Am 5. Juli erklärte der Parteitag der regimetreuen Kommunisten die Verurteilung Stalins durch Chruschtschow 1956 für einen politischen Fehler. Im Mai verlieh Putin dem Flughafen Wolgograd den Namen „Stalingrad“, in der Moskauer Metro wurde ein Stalin-Relief angebracht – anstelle des 1966 entfernten Originals. Restaurierte Wanddekorationen mit seinen Sprüchen oder sein Konterfei auf Postern zum Tag des Sieges gibt es schon lange. Hin und wieder sorgen Berichte über neue Stalin-Denkmäler in den Regionen für empörte Schlagzeilen. Dabei wurden laut der Anthropologin Alexandra Archipowa allein zwischen 1998 und 2017 mindestens 132 Stalin-Denkmäler errichtet – meist auf private Initiative, teils mit Billigung, teils gegen Widerstand der Behörden.
Damals nannte Archipowa das Phänomen „Stalin ohne Stalinismus“. Im Volksglauben erscheine Stalin als Symbol für Ordnung, Gerechtigkeit, Disziplin. In einer Gegenwart, die als korrupt und chaotisch erlebt wird, verkörpert er das, was fehlt: Fürsorge, Strenge, Verlässlichkeit. Entgegen der historischen Realität steht er für Askese und Fleiß und damit in scharfem Kontrast zur heutigen Elite. Paradoxerweise, berichtet Archipowa, werden Repressionen oft als Mittel der Erneuerung befürwortet, selbst wenn man den Stalinismus ablehnt.
Ein Echo dieses Glaubens hallt auch im Essay des Schriftstellers Viktor Jerofejew in der F.A.Z. (15. Juli 2025) nach. Das Regime, so Jerofejew, begehe durch die Rehabilitierung Stalins symbolischen Selbstmord, denn Putin und seine Bande wären in Stalins Augen „nichts als Gesocks: bourgeoise Emporkömmlinge, die in Luxus schwelgen und sich dabei breitbeinig gebärden.“ Doch das Regime scheint sich gerade eher zu festigen: durch einen typisch stalinistischen Elitenwechsel.
Immer häufiger werden Mitglieder der Führungselite – meist wegen Korruption – zu langen Haftstrafen verurteilt oder sterben unter mysteriösen Umständen, bei denen niemand an amtliche Todesursachen wie Selbsttötung, Unfall oder Krankheit glaubt. Letzte Woche starb so der Transportminister, diese Woche die Vorsitzende des Obersten Gerichts. Bis vor Kurzem galten solche Menschen noch als unantastbar. Ein Telegram-Kanal der Petersburger Nationalisten behauptet, täglich würden 17 bis 20 Vertreter der mittleren und höheren Bürokratie verhaftet, seit 2022 seien über 60 Richter verurteilt und ganze Behördenreferate gesäubert worden, und fügt hinzu: Die Repressionen seien irrsinnig, aber alle 15 bis 20 Jahre notwendig. Die Zahlen sind nicht verifizierbar, zeugen aber vom Eindruck von Massensäuberungen und wurden deshalb auch von liberalen Kommentatoren aufgegriffen.
Jerofejew und viele russische Liberale sehen in der Wiederbelebung des Stalin-Kults vor allem ein Werk des Regimes. Doch die Soziologie spricht eine andere Sprache. In einer im April dieses Jahres durchgeführten Umfrage des nichtstaatlichen Lewada-Zentrums nannten 42 Prozent Stalin als herausragendste Persönlichkeit aller Völker und Zeiten. Die Umfrage war offen; die Befragten konnten zehn beliebige Namen nennen. 1989, bei der ersten Durchführung dieser Erhebung, lag Stalin noch bei 12 Prozent, doch schon seit 1991 belegt er stabil einen der ersten vier Plätze und fiel seit 1999 nie unter 35 Prozent.
Der Leiter des Lewada-Zentrums Lew Gudkow führt das auf das Versagen der Demokraten zurück: Sie hätten es versäumt, so sein Fazit im 2022 erschienenen Buch „Der reversible Totalitarismus“, die Verbrechen der Sowjetzeit juristisch, moralisch und politisch aufzuarbeiten und die institutionellen Grundlagen des Totalitarismus zu beseitigen. So konnten sich die repressiven Institutionen – Geheimdienste, Innenministerium, Justiz – außerhalb der zivilgesellschaftlichen Kontrolle durch eigene Ausbildungssysteme selbst reproduzierten.
Die Sowjetunion war in ihren wesentlichen Zügen, von der administrativen Gliederung bis zur Verwaltungsstruktur, eine Schöpfung Stalins. Selbst nach seiner offiziellen Verurteilung blieben die meisten Lebensbereiche – Wissenschaft, Kultur und Bildung – im Kern von seinem Erbe geprägt, ganz zu schweigen von Gewaltapparat und Armee. So war es nur folgerichtig, dass während der Perestroika, der Liberalisierungsphase von 1986 bis 1991, die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und die Offenlegung der Wahrheit über die Repressionen zentrale Themen waren.
Einer der Hauptakteure in diesem Prozess war die 1987 gegründete, aber erst nach dem Ende der Sowjetunion registrierte (und 2021 zerschlagene) Menschenrechtsorganisation „Memorial“. Die Historikerin Evgenia Lezina zeigt in ihrem Buch „XX. Jahrhundert. Aufarbeitung der Geschichte“, wie sich die Mitgründer, darunter Andrei Sacharow und der spätere Memorial-Leiter Arseni Roginski, von Anfang an dagegen aussprachen, sich mit der Täterschaft zu beschäftigen. Sie forderten zwar „ein öffentliches Gericht über Stalin“, lehnten aber die Verurteilung noch lebender Täter oder gar eine Lustration ab – wie es hieß, „im Interesse der Menschlichkeit und Barmherzigkeit“. Dieser Ansatz wurde von Partei und KGB maßgeblich unterstützt.
Seit seiner Gründung konzentrierte sich „Memorial“ vor allem auf die Erstellung von Opferlisten und später auf den Aufbau einer zentralen Datenbank zu den Repressionen. Bis 2017 wurden darin Informationen über rund 3,1 Millionen Menschen gesammelt. Den Memorial-Mitarbeitern galt das als zu wenig – sie schätzten die tatsächliche Zahl auf das Vierfache. Roginski erklärte 2012 auf einer Menschenrechtskonferenz im ukrainischen Dnipro, Historiker hätten Schwierigkeiten, belastbare Zahlen zu nennen: Sie seien niedriger als erwartet – und das komme in der Öffentlichkeit nicht gut an.
Doch selbst sehr hohe Opferzahlen wirken in Russland kaum abschreckend. In der öffentlichen Wahrnehmung wie in der offiziellen Rhetorik gilt: Größe entsteht durch Leid. Die stalinistischen Repressionen werden daher nicht als Katastrophe erinnert, sondern als Opfergabe auf dem Altar der historischen Größe. Ähnlich werden die extremen Verluste im Zweiten Weltkrieg gedeutet – nicht als Folge brutaler und inkompetenter Kriegsführung, sondern als notwendiger Preis für den Sieg. Das erklärt auch, warum die hohen Verluste Russlands in der Ukraine kaum Empörung auslösen: Sie gehören zum Status der Weltmacht.
Hinzu kommt: Ein Großteil der Repressionen hat weder mit politischer Verfolgung noch mit „Säuberungen“ zu tun – damals wie heute. Solange es in Russland noch unabhängige Medien gab, berichteten sie regelmäßig über willkürliche Verurteilungen Unschuldiger wegen gewöhnlicher Vergehen – Drogendelikte, Betrug, Sexualstraftaten. Der Ex-Oligarch Michail Chodorkowski, der selbst zehn Jahre in Straflagern saß, schätzt den Anteil Unschuldiger auf zehn Prozent. Manche Menschenrechtler nennen höhere Zahlen. Überprüfen lässt sich das nicht. Doch daraus ergibt sich noch eine Parallele zur Stalinzeit: Der Gulag war eine zentrale Quelle staatlicher Zwangsarbeit. Heute dienen Strafgefangene als Kanonenfutter im Krieg gegen die Ukraine. Nach übereinstimmenden Angaben ukrainischer Geheimdienste und internationaler Organisationen wurden bis zu 180.000 Häftlinge an die Front geschickt. Ihre Überlebenschancen gelten als deutlich geringer als die regulärer Soldaten.
Sieht man genauer hin, ist die Rückkehr Stalins nichts als eine optische Täuschung. Strukturell war er nie verschwunden – nur wird er heute nicht mehr versteckt.