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Politik der Lügen

  • Autorenbild: Nikolai Klimeniouk
    Nikolai Klimeniouk
  • vor 18 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Geschichtsfälschung: Was Moskau anstelle des Gulag-Museums plant.

Veröffentlicht in: F.A.S., 01. März 2026


Bild: Moskauer Bürgemeisteramt
Bild: Moskauer Bürgemeisteramt

In Moskau wird anstelle des Gulag-Museums in Kürze das „Museum des Andenkens“ eröffnet, teilte das Bürgermeisteramt vor wenigen Tagen mit. Es soll dem Gedenken an die Opfer eines „Genozids am sowjetischen Volk“ durch die Nationalsozialisten während des sogenannten Großen Vaterländischen Krieges gewidmet sein. Es ist bemerkenswert, wie viele Geschichtsfälschungen eine so knappe Mitteilung enthält und wie viele folgenschwere Entwicklungen in diesem einen Vorgang münden.


Die älteste Lüge ist schon der Begriff „Großer Vaterländischer Krieg“. Er setzt den Beginn des Krieges für die Sowjetunion auf den deutschen Überfall am 22. Juni 1941 fest und verdeckt damit, dass die UdSSR nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 als mit dem Einmarsch in

Ostpolen in den Zweiten Weltkrieg eingetreten war.


Die Schließung des Moskauer Gulag-Museums ist eine symptomatische Episode im Prozess der Rehabilitierung Stalins. Seine Schreckensherrschaft wird in Putins Russland als notwendiger Preis für den Sieg umgedeutet. Schon 2014 wurde das von Menschenrechtlern und ehemaligen politischen Häftlingen gegründete Museum „Perm-36“ im gleichnamigen Gulag-Lager unter staatliche Kontrolle gebracht und widmete sich fortan vor allem dem „heldenhaften Einsatz“ der Lagerwächter sowie dem „Beitrag der Gefangenen zum Sieg“.


Die zentrale Lüge ist allerdings der sogenannte „Genozid am sowjetischen Volk“, Russlands Beitrag zum internationalen Trend der Verwässerung des Genozidbegriffs. Die Formulierung tauchte im offiziellen Sprachgebrauch erstmals um 2020 in einer Rede Putins auf. Kurz darauf bündelte der Chef des Ermittlungskomitees, Alexander Bastrykin, alle propagandistischen Pseudoermittlungen zu NS-Verbrechen, die seine Behörde seit einigen Jahren führte, zu einem großen Verfahren wegen „Genozids am sowjetischen Volk“. Von allen seriösen Forschern wird dieser Begriff einhellig abgelehnt.


Der Historiker Konstantin Pachaljuk, bis 2022 Mitarbeiter der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft, sieht darin den Versuch, vom Holocaust abzulenken und die Sowjetunion, vor allem aber Russland, nicht nur als Sieger, sondern auch als Hauptziel und größtes Opfer der Nationalsozialisten darzustellen. Zudem diene der Begriff der Verschleierung sowjetischer Verbrechen, brutaler und inkompetenter Kriegsführung sowie massenhafter Kollaboration. 2025 wurde das „Andenken an den Genozid am sowjetischen Volk“ gesetzlich verankert; ein Gesetzentwurf sieht zudem vor, seine „Leugnung“ unter Strafe zu stellen.


Das „sowjetische Volk“ ist ebenfalls ein ideologisch geprägtes Konstrukt, das politische Endziel der Russifizierungspolitik: Alle Ethnien der UdSSR sollten in einem großen, von Russen dominierten Sowjetvolk aufgehen. Dass die Russen de facto das Staatsvolk der Sowjetunion waren, zeigte sich unter anderem daran, dass die Russische Föderation als einzige Sowjetrepublik keine eigene kommunistische Partei hatte.


Paradoxerweise wurde diese Tatsache in den letzten Jahrzehnten der UdSSR von russischen Nationalisten als Beleg für einen vermeintlichen „Genozid am russischen Volk“ interpretiert. Als Täter galten die „jüdischen“ Kommunisten. In den 1990er Jahren wurde diese Erzählung von der sogenannten rot-braunen Allianz aufgegriffen, einem informellen, aber einflussreichen Bündnis reaktionärer Kommunisten und Ultranationalisten. In dieser Koalition galten nicht mehr die Bolschewiki als Täter, sondern „jüdische“ Liberale, die angeblich als Handlanger des Westens andere Nichtrussen zum „Genozid an den Russen“ mobilisiert hätten.


Dieses Opfernarrativ hat sich auch außerhalb dieser Kreise weitgehend etabliert, nicht zuletzt weil es von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem imperialen Charakter Russlands ablenkt, und geht nun im Konzept des „Genozids am sowjetischen Volk“ auf.


Aber vor allem soll das geplante Museum Russlands Krieg gegen die Ukraine als Fortsetzung des „Großen Vaterländischen Krieges“ gegen die vermeintlichen Nachfolger der NS-Täter legitimieren. Schon zur Begründung der Vollinvasion erklärte Putin, die Weigerung der Ukrainer, sich Russen zu nennen, mache das russische Volk kleiner und komme einem Genozid gleich.

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